abenteuer-ruhrpott.info
Aktuelles
Freizeit 1
Freizeit 2
Bühnen
Veranstaltungen
Buchtipps
Orte zum Feiern
Kontakt
      Es ist "Ein großer Aufbruch", den das Grillo Theater zeigt. Den sehr guten
      Stoff von Magnus Vattrodt kann man gar nicht groß genug bezeichnen, so
      phantastisch gelungen ist diese Inszenierung von Gustav Rueb.

      Der Stoff lässt Schweres erwarten, ist es aber nicht. Der Alt-68er und Frei-
      geist Holm (Jens Winterstein) hat eine Diagnose. Er wird sterben, möchte
      das allerdings selbstbestimmt in der Schweiz durchführen. Einen zeitnahen
      Termin gibt es bereits, doch außer seiner Ex-Frau Ella (Monika Bujinski),
      die Ärztin ist, weiß angeblich niemand etwas von der Diagnose. So lädt er
      alle Familienmitglieder zu sich in sein Haus am See ein, um mit ihnen ein
      letztes Mal das Leben zu feiern und sein Vorhaben anzukündigen. Er besorgt
      zwei Kisten edlen Wein, sein bester Freund Adrian (Thomas Büchel) kocht.
      Dessen Frau Katharina (Ines Krug) ist ebenso anwesend wie seine Töchter
      Marie (Floriane Kleinpaß), mit ihrem Partner Heiko (Jan Pröhl), und Charlotte
      (Silvia Weiskopf). Das sehr muntere Treiben nimmt seinen Lauf. Nach Plan
      läuft hier gar nichts mehr.

      Schon das Eintreffen der sehr selbstbewusst auftretenden Marie wirbelt alles
      durcheinander. Sie kennt nur sich selbst, ihre Karriere als Anwältin und hat
      ihre Kindheit und Jugend verdrängt. Beim Anblick ihres Vaters gilt nur die
      kalte Attacke, während Charlotte mit ihrem Vater durchaus gut kann. Sie
      fristet ein bescheidenes Leben mit einer Galerie. Gekonnt baut sich das
      Dramatische auf, das über weite Strecken sich in einem spannenden Wort-
      gefecht aller Beteiligten widerspiegelt. Jetzt wird endlich mal das gesagt,
      was nie gesagt wurde. Wie war das damals in Afrika, als Holm mit seiner
      Familie und Adrian in Sachen Entwicklungshilfe unterwegs waren? Wer hatte
      schon mal mit wem nähere körperliche Kontakte und wie sieht es finanziell
      so aus? Da gab es auch mal eine Leiche über dem Zaun oder aufheiternde
      Mittel. Jeder hat seine schwachen Stellen, um zu pieksen. Es kommen
      Dinge auf den Tisch, die man nicht für möglich gehalten hat. Es wird herrlich
      ironisch-zynisch ausgeteilt, als ob es keine Familie wäre. Nur Ella und
      Heiko halten sich souverän und klug zurück. Heiko, ebenfalls ein Anwalt, ist
      eh ein außen stehender Beobachter, dem die Situation Spaß zu bereiten
      scheint. Sein Humor ist so wunderbar trocken. Seine Pointen sitzen grandios.

      Als starke Protagonisten agieren anfangs die ich-affinen Holm und Marie,
      doch das ändert sich je mehr der sehr ehrliche Familientalk aus dem Ruder
      läuft. Langsam treten Ella und Heiko in den Mittelpunkt. Sie agieren überlegt
      und werden so auch den anderen überlegen. Wie läuft so eine selbstbe-
      stimmte Tötung eigentlich ab? Einer kennt sich aus. Die Schilderung klingt
      nicht so einfach wie gedacht. Holm merkt man am Ende deutlich an, wie er
      seinen Plan anzweifelt und auch Marie lässt den Termin in New York platzen,
      um im letzten möglichen Moment Vernunft anzunehmen. Ihr entweicht sogar
      eine Träne. Das großartige Psychogramm aller Beteiligten findet ein interes-
      santes Ende. Holms Krankheit ahnt man zwar meist, sie wird jedoch insge-
      samt nur einmal mit einem Wort kurz erwähnt.

      Inhaltlich, szenisch und schauspielerisch ist "Ein großer Aufbruch" absolute
      Extraklasse. Das Bühnenbild ist bewusst auf einen Tisch mit Stühlen redu-
      ziert. Mehr braucht es nicht. Es ist gefühlt fast eine Komödie, allerdings mit
      einem dramatischen Kern, der auch immer wieder klar durchscheint. Bei
      allem sehr guten Humor und den tollen Dialogen ist und bleibt Holms Absicht
      präsent. Die Figuren entwickeln sich extrem spannend. Aus kurzen Andeu-
      tungen können sich plötzlich bis dahin nicht geahnte Veränderungen ergeben.
      Am Ende gibt es von Holm die Aufklärung, wie sein Ableben geschah. Hat
      er wirklich Sterbehilfe in Anspruch genommen? Schließlich verlässt man
      das Theater gefühlt ganz leicht, ohne Angst vor dem Tod. Jeder ist schließlich
      mal dran.

      Dieses packende und oft humoristisch geprägte Stück ist sicher ein Kandi-
      dat für die Hall of Fame aller bedeutsamen und unvergesslichen Grillo-
      Schauspiele. Zusatzvorstellungen auf dem Spielplan sind vielleicht nicht
      ausgeschlossen. Karten sollte man sich so früh wie möglich sichern.

      Datum: 1. Dezember 2018

      www.theater-essen.de