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      Selten wird die Kunst des Dritten Reichs museal präsentiert. Die Situation
      Kunst in Bochum wagt sich in ihrem Museum unter Tage (MuT) an das Thema
      ran. Die gelungene Ausstellung „Artige Kunst“ tritt dabei in Kontrast zu den
      damals als „entartet“ eingestuften Werken und Arbeiten, die die brutale
      Wirklichkeit des Zweiten Weltkriegs abbildeten und en Gegenpart bildeten.

      Was erwartet man von Künstlern, die der Nazi-Diktatur und ihrer braunen
      Gesinnung nahe standen? Natürlich hat man sofort Hakenkreuze, erhobene
      Arme zum Gruß und Hitler-Portraits vor Augen. Kurz nach Ende des Kriegs
      wurden die Werke von den Alliierten eingeschlossen oder mitgenommen. Später
      hat man sie teilweise zurückgegeben. Sie schlummerten wieder im Verbor-
      genen. Das Ergebnis des nun Gesehenen überrascht.

      Die Arbeiten wirken eigentlich ganz harmlos, spiegeln gar nicht bis kaum den
      Kriegsalltag an der Front oder der Heimatfront wider. Sie tourten zwischen 1937
      und 1944 mit der „Großen deutschen Kunstausstellung“ durch das Reich. Die
      Betonung auf die Familie ist ein wichtiger Schwerpunkt. Die heile Idylle von
      deutschen Vätern, Müttern und möglichst vielen Kindern spiegelt eine Realität
      vor, die es so nicht mehr gab. Der Vater arbeitete auch nicht mehr auf dem
      Feld, sondern kämpfte tatsächlich in Russland oder war vielleicht schon gefallen.
      Junge Mädchen sind fröhlich mit dem Akkordeon unterwegs. Man spürt 1937
      aber schon den nahenden Krieg in der Kunst. Der heroische Soldat im Graben
      ist eine Erinnerung an den Ersten Weltkrieg und eine Art vorsichtige Propa-
      ganda. Man erkennt die Vorliebe der Nazis für monumentale Architektur. Im
      Steinbruch wird die Arbeit der mutmaßlichen KZ-Häftlinge angedeutet, aber nicht
      optisch deutlich gezeigt. Dem Klassizismus angelehnte Monumentalbauten als
      Motive ließen sich gut verkaufen, wobei die Werke in der Regel aus freien
      Stücken gemalt wurden und keine Auftragsarbeiten waren.

      Häufig waren es Künstler aus der zweiten Reihe, die plötzlich im Rampenlicht
      standen. Entsprechend ist die Qualität der Maltechnik zu bewerten. Während
      „Im Kampf des Atlantik“ von Claus Bergen noch technisch von guter Qualität ist,
      wirkten die beiden überdimensionierten Seeadler von Michael Matthias Kiefer,
      die Helgoland beschützen sollten, schlecht gemalt. Sie wirken aus heutiger
      Sicht wie die pure Ironie der Nazi-Ideologie.

      Entgegengesetzt werden den „artigen“ Bildern die der damals nicht system-
      konformen. Auch die gab es. Sie wirken abstrakter und ehrlich. Der große
      Donner ist am Horizont schon zu erkennen. Die Gesichtsausdrücke wirken eher
      nachdenklich und traurig, z.B. bei Otto Dix, Franz Radziwill, Karl Hofer, Max
      Beckmann oder Felix Nussbaum deutlich zu erkennen. Man sieht Totenschädel
      in Nazi-Uniformen oder ausgemergelte Menschen. Jede Form von Abstraktion
      war bei den Nazis nicht erwünscht. So gerieten ganze Lebenswerke großer
      Künstler in Vergessenheit, weil ihre Arbeiten manchmal einfach zerstört wurden.
      Als Kontrast werden ebenfalls „entartete“ Arbeiten von Lovis Corinth, Max
      Slevogt, Arnold Topp, Ernst-Ludwig Kirchner, Ludwig Meidner, Paul Cèzanne
      oder Paul Klee gezeigt, die für unsere Sehgewohnheiten gleich wohltuend
      wirken. Zwischendurch findet man bei der sehr guten Hängung immer wieder
      dokumentarische Fotos von den Greultaten der Nazis. Tote am Wegesrand und
      heftige Zerstörungen waren die Realität.

      Diese Ausstellung repräsentiert spannend und gelungen die Verlogenheit der
      Nazi-Ideologie in der Kunst, der „entarteten“ Kunst entgegengesetzt. Es ist
      keine leichte Kost. In Zeiten von braunen Rechtspopulisten und Rechtsextrem-
      isten ist diese Ausstellung ein wichtiger Beitrag, diesen unguten Strömungen
      entgegenzuwirken und die Diskussion anzuregen.

      Zur Ausstellung gibt ein interessantes Rahmenprogramm und einen spannenden
      Katalog, erschienen im Kerber Verlag.

      Laufzeit: 5. November 2016 bis 9. April 2017

      www.situation-kunst.de