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      Mit Sophokles Klassiker "Antigone" präsentiert das Theater Oberhausen ein
      mutiges Theaterereignis, das das Theater an sich neu erfindet. Für dieses
      szenische Experiment zeichnet Hausregisseurin Babett Grube verantwortlich.

      Schon beim Betreten des Saals begegnen einem die skizzierten Konzeptideen
      der Proben. Auf der Bühne erblickt man bereits die Schauspieler, die Laptops
      bedienen und Kurven auf einen Bildschirm zaubern. Zu aller Überraschung
      bleiben ein paar Plätze im Saal sogar bewusst leer. Diese Zuschauer haben auf
      der Bühne ihren Platz, direkt nahe am Geschehen. Doch nicht nur sie werden
      im Laufe des Stücks immer wieder zu Statisten, auch das Saalpublikum hat die
      Wahl mitzumachen oder eher passiv als Beobachter zu agieren. Die sonst
      abgetrennten Bereiche Bühne und Publikum verschmelzen komplett miteinander.

      Am Anfang geht es los mit morphischen Feldern, eine Mischung aus Esoterik
      und Wissenschaft. Die Schauspieler laden sich mittels Dornenkronen artigen
      Lichterketten auf. Dann taucht Christan Beyer langsam in seine Figur Antigone
      ein. Die Energie soll auch auf das Publikum überspringen. Man steht auf und
      fasst sich an den Händen, wird zur Gemeinschaft auf Zeit, die sich nach Freiheit
      sehnt und auch dafür friedlich kämpft. Auf dem Bildschirm werden Filmszenen
      von Demonstrationen und Revolutionen eingespielt, Erdogan hält eine Rede.
      Banafshe Hourmazdi (Kreon) beschreibt emotional, im Zuschauerraum stehend,
      die Geschehnisse vom Taksim-Platz und Gesi-Park in Istanbul. Die Botschaft
      ist klar. Das Theaterereignis ist also auch durchaus politisch gedacht, könnte
      aktuell auch in Barcelona spielen. Christan Beyer verfällt dagegen manchmal
      unbewusst in komikhafte Züge des Humoristen Otto, während sich Kreon ernst
      und strategisch klar als Politiker bezeichnet. Fast alle Rollen sind sogar
      entgegen der eigentlichen Geschlechter besetzt. Immer wieder werden
      Zuschauer angesprochen mitzumachen, beim Trauerzug unter einer Plastikplane
      nach der verbotenen Beerdigung, beim Sirtaki, als Trauernde am Grab oder beim
      andächtigen Leuchten mit den Handys ("Je suis Antigone").

      Szenisch werden die wichtigsten Aspekte des Stücks seziert und mit einer
      Mischung aus Umgangssprache und klassischen Textzeilen dargeboten. Ernste
      und humorvolle Momente wechseln sich ab. Nicht jedem wird szenisch "der"
      sterbende Antigone splitternackt im Opferkostüm gefallen, erhängt durch eine
      Lichterkette um den Hals. Er ist die Figur, die ganz klar im Mittelpunkt steht.
      Andere wie Burak Hoffmann (Isomene), Susanne Burkhard (Iokaste), Torsten
      Bauer (Oidipus) Emilia Reichenbach (Haimon) oder Banafshe Hourmazdi (Kreon)
      treten verbal eher kurz in Erscheinung.

      "Antigone" im Theater Oberhausen soll bewusst polarisieren. "Für alles werde
      alles frisch gewagt", ein aktueller Slogan des Schauspielhauses Bochum, ist
      das passende Fazit für dieses Theaterereignis. Jeder soll sich seine eigene
      Meinung darüber bilden. Das Smartphone zwecks Solidarbekundung aber bitte
      mitbringen.

      Es ist spannend zu erleben wie sich das Theater Oberhausen unter Florian
      Fiedler ziemlich schnell vom Stadttheater zur Jungen Bühne Oberhausen
      entwickelt, ein Experimentierfeld kreativer Köpfe, die beinahe jedes Tabu
      brechen können und auch wollen.

      Datum: 6. Oktober 2017

      www.theater-oberhausen.de