abenteuer-ruhrpott.info Aktuelles abenteuer-ruhrpott.info
Freizeittipps
Veranstaltungen
Ausstellungen
Bücher / Musik
Kontakt
Impressum
Schauspiel 'Antigone' im Theater Duisburg
Mit "Antigone" von Jean Anouilh hat sich das Schauspiel Duisburg eine wahrhaft große Tragödie für den Re-Start zum nahenden Spielzeitende ausgesucht, die von Kathrin Sievers großartig inszeniert wurde. Der Untergang von Kreon und Antigone wird ausgezeichnet in die Gegenwart transformiert, ohne den antiken Stoff optisch und inhaltlich zu vergewaltigen.

Revolutionär geht es zu, wie heutzutage in unserer Gesellschaft. Mächtige geben die Regeln vor und die einzelnen Individuen haben dazu nicht selten ihre eigene Meinung. Wer heute politisch etwas zu sagen hat, muss die vielschichtige Masse geschickt lenken, ohne mit zu viel Härte zu agieren. Den Mächtigen ein folgsames Ja entgegenzubringen ist für die Untergebenen der einfache Weg, die eigene Haltung hat dagegen oft Konsequenzen für das einzelne Individuum.

Das intensive Stück besticht durch Dialoge, meistens zu Zweit. Dazu tragen natürlich die sehr guten schauspielerischen Leistungen bei. Julia Zupanc als Antigone verkörpert wunderbar den Idealismus des Individuums, obwohl sie als Tochter des Ödipus Teil des Hofes ist und mit Kreons Sohn Hämon (Lorenz Grabow) verlobt ist. Ihren Untergang in den Tod geht sie bewusst. Dabei lässt sie sich von Kreon (Roland Riebeling) nicht beirren. Die Rolle des Kreon wird großartig dargeboten. Roland Riebeling ist bekannt aus zahlreichen WDR-Tatorten. Aus dem harten Herrscher wider Willen entwickelt sich ein Häufchen Elend, das am Ende nahezu alleine da steht und staatsmännisch funktionieren muss. Auch Sarah Steinbach (Ismene), Adrian Hildebrandt (Wächter) und die Sprecherin Stephanie Gosseger können voll überzeugen. Die griechische Mythologie der Geschichte wird durch Stephanie Gosseger wunderbar und klar erläutert. Da blitzt sogar Humor durch. Sie kriecht tief in Kreons Gewissen, der aber glaubt nicht anders handeln zu können. Britta Fehlberg als Kreon Frau Eurydike strickt auf ihrem Hochsitz stumm für die Armen, um am Ende ebenfalls den Freitod zu suchen.

Was ist Glück? Die Frage zieht sich durch das gesamte Stück. Für Kreon wäre es unehrenhaft gewesen, den Thron abzulehnen. Einer muss die Regeln vorgeben und durchsetzen. Glücklich wirkt seine Figur nicht. Er muss tun, was er nicht will. Kreon erweist sich oft als zu empfindsam für einen Tyrannen. Zeigt er dagegen Härte, verlässt ihn nach und nach seine Familie. Mit Engelszungen versucht er in tollen Dialogen Antigone vor dem Tod zu retten. Sie hört ihm zu, denkt vielleicht kurz über seine Worte nach, aber bleibt sich selbst treu. Ist sie wahnsinnig, stur oder absolut konsequent?

Musikalisch sorgt Jonatan F. Blomeier für die Töne, eine Mischung aus einem Live-Klavier auf der Bühne und elektronischem Sound vom Band, immer passend, mal dramatisch, mal nachdenklich. Atmosphärisch unterstützt wird die Inszenierung durch sehr ansprechende und dezent gesetzte Grafiksequenzen auf einer Videowall. Das Tempo und die Lautstärke der Inszenierung sind passend abgestimmt, wie auch die Kostüme und das eher nüchterne Bühnenbild als Ebenenlandschaft, die geschickt eingesetzt wird.

Es war schon ein sehr besonderer und unvergesslicher Abend. Der Wiederbeginn nach dem Corona-Stop Anfang März fühlte sich speziell an. Über tausend Besucher fasst das Theater in Duisburg. Hundert durften unter Hygieneauflagen hinein, alles mit Abstand. Die zwei sehr kurzweiligen Stunden wurden ohne Pause durchgespielt. Man merkte auch den Akteuren auf der Bühne an, dass sie hungrig auf ein echtes Publikum und den Applaus waren. Es wurde ein sehr warmer und langer Applaus. Für alle auf und vor der Bühne war es ein klasse Abend mit einem hervorragenden Stück. Es war ein Stückchen Normalität. Wie der Zustand "Normal" in der kommenden Spielzeit aussehen wird, das muss man einfach mal abwarten. Die Bestimmungen können sich jeden Tag ändern.

Datum: 12. Juni 2020, Premiere

www.duisburg.de