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      Mit "Amok" hat das Theater Oberhausen gleich eine zweite Premiere der neuen
      Spielzeit folgen lassen. Das Stück nach einem Buch von Emmanuel Carrère
      thematisiert die wahre Geschichte eines französischen Hochstaplers. Regie
      führte Jan-Christoph Gockel.

      Es ist die Geschichte von Jean-Claude Romand. Einst verpasste er als Medizin-
      student eine Klausur. Aus dieser ersten Lüge folgte ein ganzes Lügenkonstrukt,
      ganze 17 Jahre lang. Ohne Hochschulabschluss schaffte er es dennoch zu
      Ruhm und Ansehen in der besseren Gesellschaft. Sein angeblicher Job bei der
      WHO machte ihn privat zu einem angesehenen Mediziner. Doch statt dieses
      Jobs war sein Lebensinhalt ein erbärmliches Scheinleben ohne einen vernünf-
      tigen Ausweg. Er legte das Geld anderer Menschen aus seinem Umfeld
      angeblich bei Schweizer Banken an und nutzte es für sich. So finanzierte er ein
      Luxusleben mit Familie, Urlauben, Haus und großem Auto. Niemand wusste
      etwas oder man wollte davon nichts wissen. Ein einziger Anruf bei der WHO
      und der Ärztekammer genügte, um seine Lügengeschichte auffliegen zu lassen,
      mit fünffach tragischem Ausgang.

      Lügen wir nicht alle jeden Tag bewusst oder unbewusst? Selbst Ermittler
      erkennen nicht jede Lüge in Verhören. Clemens Dönicke und Dietmar Nieder
      verkörpern den Hochstapler, das Umfeld und den Autor Emmanuel Carrère in
      wechselnden Rollen sehr gelungen. Ganz dicht dabei ist das Publikum ist im
      Saal 2, dem früheren Malersaal. Das Bühnenbild besteht aus einer Regalwand,
      die auch eine biedere Schrankwand einer normalen Familie sein könnte. Wie
      eine Lüge die nächste nach sich zieht, kommt hervorragend rüber, abgründig
      und mit einem gewissen Humor. In seinem Philiosophie-Abi beschäftigte sich
      Jean-Claude Romand sogar mit der Frage, ob es die Wahrheit gibt. Man erfährt
      etwas von seiner Beziehung zu seiner Familie und seiner Geliebten Corinne.
      Statt zur Arbeit zu fahren, saß er im Auto, im Café oder in der Buchhandlung.
      Die angeblichen Dienstreisen verbrachte er im Flughafenhotel, inkl. Mitbringsel
      für die Kinder. Die Tragik seines Lebens wird durch zwei humorvolle und auf das
      Stück abgestimmte Disney-Zeichentrickeinspieler verdeutlicht.

      Clemens Dönicke und Dietmar Nieder schlüpfen großartig in diese nicht einfache
      Rolle. Sie zeigen, wie man an die eigene Lüge tatsächlich glauben kann.
      Andererseits kann alles jederzeit auffliegen. Die ständige Angst und die
      Unsicherheit sind ein wichtiger Teil des Stücks. Sie beschreiben natürlich
      ebenso ausführlich, welchen einzigen Ausweg Jean-Claude Romand 1993 sah.
      Seine eigene Familie, seine Eltern und sein Hund ließen ihr Leben. Er wurde
      zum Mörder und sitzt dafür noch heute in einem französischen Gefängnis.

      Es ist ein außergewöhnliches und klasse besetztes Stück, das inhaltlich und
      spielerisch fesselt. Immer mehr seines Scheinlebens kommt ans Licht. Man ist
      verwundert und wird gefühlt Teil des Umfeldes. Das Publikum wird hier und
      da sogar mit einbezogen.

      Datum: 23. September 2017 (Premiere)

      www.theater-oberhausen.de