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      Mit „Alceste“ von Chirstoph Willibald Glück bringt die Ruhrtriennale 2016 in der
      sehr schönen Jahrhunderthalle in Bochum eine Oper auf die Bühne, die selten
      gespielt wird, besonders in der italienischen Version. Regie führte der
      Ruhrtriennale-Intendant Johan Simons. Für die musikalische Umsetzung ist der
      renommierte Dirigent René Jacobs verantwortlich. Das Endergebnis muss man
      sehr gesplittet beurteilen. Die Aufführung zeigte nicht zu übersehende Schwach-
      punkte.

      Inhaltlich geht es um König Admeto und seine Frau Alceste, die sich für ihn den
      Göttern opfern möchte, damit er göttliche Gnade erfährt, nicht stirbt und so
      sein Volk so rettet. Ohne seine Frau möchten er und die gemeinsamen Kinder
      allerdings nicht leben. Am Ende zeigt sich die Gottheit auch bei Alceste gnädig.
      Sie und Admeto dürfen weiterhin glücklich ein Paar bleiben.

      Was soll man nur von dieser Oper, so wie sie in Bochum dargeboten wird halten,
      nur halten? Zunächst mal das Positive. Das B'Rock Orchestra und die musika-
      lische Umsetzung durch René Jacobs können sich sehen lassen. Wunderbar
      interpretieren sie die italienische Fassung. Vielfach in Moll gehalten klingt die
      Oper erst am Ende in Dur. Man hört gerne zu, ein Ohrenschmaus. Auch die
      Solisten, darunter Brigitte Christensen (Alcente) und Thomas Walker (Admeto)
      haben Weltniveau und sind exzellent ausgewählt. Extraklasse ist auch der Chor
      MusicAeterna. In den schwachen Phasen der Inszenierung sind es immer
      wieder die Chorsänger, die für Glanzpunkte sorgen. Ohne den Chor würde der
      Aufführung ein wichtiger Faktor fehlen. Die 41 Sängerinnen und Sänger haben
      Gold in der Kehle.

      Wäre da nicht die Inszenierung, die mit radikalen Veränderungen das Opern-
      Genre aufbrechen möchte. Um es klar zu sagen, es ist gründlich misslungen,
      für große Teile des Publikums. Die Bühne ist ein sehr langer, breiter und
      dunkelgrauer Catwalk mit L-förmig angrenzenden Tribünen, eine lange Seite
      seitlich und eine schmale Seite vor Kopf. Zum Eck schräg gegenüber platziert
      befindet sich leicht stufig das Orchester. Ob im Aalto Theater oder im Musik-
      theater im Revier (MiR), eine normale Opernbühne sieht anders aus, aus gutem
      Grund. Die Sänger singen die Besucher frontal mit ihrer ganzen Stimmintensität
      und Mimik an. So kennt und mag man es. Bei den L-förmigen Tribünen ist man
      zwar nahe dran, man erlebt aber nur auf den teuersten Plätzen am Kopf die
      Solisten wirklich gut. Die hintere Hälfte der Seitentribüne schaut visuell und
      akustisch über weite Strecken nur in die Röhre, sieht schöne Rücken und
      fantastisch frisierte Hinterköpfe. Diese singen bekanntlich nur nicht so toll.
      Manchmal fragt man sich, wer da gerade wo seine Stimme erhebt, denn man
      sieht kein Gesicht, sicher kein angenehmes Suchspiel. Man muss schon Augen
      mit eingebautem Fernglas haben, um überhaupt etwas am anderen Ende des
      Catwalks zu erkennen, von Gesten und Mimik erst gar nicht zu reden. Ent-
      sprechend dumpf klingen die ansonsten tollen Stimmen, wenn diese weit ent-
      fernt komplett in die andere Richtung erschallen. Wichtige Gesangspartien
      bekommt man weiter hinten gar nicht oder nur sehr fragmentiert mit, wenn die
      Hauptakteure sich gesanglich doch mal kurz zu den billigeren Plätzen, immerhin
      um die 80,- Euro teuer, begeben haben.

      Über weite Strecken mutiert die Oper für viele Besucher zu einer neuen Unter-
      klassifikation, einer Höroper mit Übertiteln, die auch noch an der völlig falschen
      Stelle zu finden sind, fern ab des Geschehens. Irgendwann hat man keine Lust
      mehr, den Kopf ständig von links nach rechts und wieder zurück zu drehen. Man
      schließt einfach die Augen und versucht wenigstens den tollen Chor und das
      Orchester akustisch zu genießen, die die gesamte Jahrhunderthalle wunderbar
      beschallen.

      Ein weiteres Ärgernis sind die Dutzende von weißen Stapelstühlen aus Kunst-
      stoff als Kulisse auf der Bühne. Man wirft sie um oder sogar durch den Raum.
      Haben hier eben noch die Beatles ein Konzert gegeben? Man kann es für
      Geschmackssache halten, aber der Oper und dem Raum wünscht man besser
      passende Requisiten. Einen Haufen Sperrmüll als ein sehr häufig unbespielter
      Blickfang für die Hinterbänkler, eine super Idee. Gleiches gilt für den Haufen von
      toten, schwarzen Vögeln auf der Bühne, die auch vorne noch schön herumge-
      zeigt werden. Da möchte man nicht direkt davor sitzen. Sinnbildlich sollen sie
      den Todesfluch symbolisieren. Man kann es mögen oder nicht. Überzogen
      provokant, wie die ganze Aufführung, ist es schon. Zwischenzeitlich prasselte
      auch noch starker Regen auf die Jahrhunderthalle, passte irgendwie.

      Neben der schönen Halle kann man als Trostpflaster für diesen Abend sicher
      auch das wirklich sehr unterhaltsame Programm am Nachmittag und in der
      Pause vor der Halle wirklich ohne Ironie hervorheben, worüber an dieser Stelle
      ein Bericht leider nicht möglich ist. Vielleicht einfach mal selber gucken und
      entdecken. Die sehr engagierten Akteure dort haben, bei meistens freiem
      Eintritt, ganz gewiss jede Menge Aufmerksamkeit verdient.

      Diese Inszenierung wirft sicher Fragen auf. Muss man als Regisseur sein
      künstlerisches Ego so überzogen profilieren, wenn man erahnen kann, dass
      große Teile des Publikums durch radikale Experimente, im wahrsten Sinne des
      Wortes, das Nachsehen haben, obwohl sie teures Geld für ihre Karten
      bezahlen? Ist das Ego wichtiger als der Zuschauer? Wann wird die künstler-
      ische Freiheit der kreativen Macher grundsätzlich überspannt?

      Datum: 20. August 2016

      www.ruhrtriennale.de
      Infos zur Ruhrtriennale allgemein